MITTEN IM SCHLAMASSEL... auf der Suche nach der Seele

 

LESEPROBE aus Teil I: HEIMATSUCHE

 

 

 

 

 

GLÜCKSRITTER

Als Junge las er von fernen Zeiten, fremden Ländern und kühnen Reisenden. Sehnsüchtige Freiheitssucher segelten nach Westen. Goldsucher, Trapper und Glücksritter durchquerten einen Kontinent. Jenseits des Atlantiks lagen Freude und Abenteuer. Mit Lautstärke und Inbrunst sang er in seiner Jugendgruppe vom sturmzerzausten Viermaster:

Blow boys, blow, for Californio,
there is plenty of gold, so I am told,
on the banks of Sacramento ...

Nachdem seine Mutter mit den Kindern in den letzten Kriegswochen aus ihrer Heimat geflohen war, wohnten sie in vielen Orten. Er besuchte viele Schulen. Seine Lehrer, Überlebende von Diktatur und Krieg, bemühten sich, Kindern Wissen und Bildung beizubringen. Über Krieg und Tod, über Gehorsam und dumme Befehle, über Kampf und Vergeblichkeit, über Heimat, Flucht und Freiheit schwiegen sie. Sie sagten "Strengt euch an, dann schafft ihr es!" Mit guten Leistungen und Zensuren konnte man ihnen Freude machen. Jans Sehnsucht wanderte in die Ferne...

Jan hatte Geist und Seele gehärtet und gestählt. Er studierte Geschichte und die Schriften der Alten, durchwanderte die rationalen Welten und flog auf den Geisterbahnen der Psyche. Er lauschte dem Trommeln der Zauberer, dem Zungenreden Entzückter; er übte das Handauflegen der Heiler und trainierte sich in westlichen und östlichen Praktiken. Er spürte die Schwingungen der feinstofflichen Welt.

Für ihn war es leicht, auf körperliche und geistige Freuden zu verzichten. Es baute ihn auf, sich Entschlackungskuren zu unterwerfen, sich Askesen und Enthaltsamkeiten aufzuerlegen. Schweigegebote konnte er leicht einhalten. Ihn rührten die Worte begnadeter Redner, die Überzeugungskraft Begeisterter, die strahlenden Augen hübscher Anhängerinnen. Er sonnte sich in der Wärme freundlicher Gruppen. Er war entzückt über Apokalypsen, liebte und ersehnte den drohenden Weltuntergang.

"Erkenne dich selbst", mahnten die Griechen. Wo war Erkenntnis? Seine Lehrer hatten Jan erkannt und ihm ihre Beurteilungen um die Ohren gehauen. Fachleute wussten die Namen aller Leiden und Krankheiten und konnten sie mit hochgezogenen Augenbrauen in lateinisch-griechisch-englisch-indisch-chinesischen Worten bedeutungsschwer aussprechen... Wissenschaftler und Journalisten erkannten die Unzulänglichkeiten von Universum und Gott. Nur er verstand nicht, wer er war und was die Welt war.

TAUSEND

Er ging zum Arzt. Dieser sagte: "Ihr Alabasterkörper ist gesund. Ihr Herz klappert. Aber Sie können damit alt werden." Jan wollte mehr wissen: "Sagen Sie mir: 'Was fehlt mir?' Wahrheit ist zumutbar." ...

Tausend Diagnosen gaben Auskunft; tausend Therapien sollten Heilung bringen. Jan war verwirrt. Mediziner unterschieden die Menschen in Kranke und Gesunde, Psychologen in Pessimisten und Optimisten, Wirtschaftsfleute in Sieger und Verlierer, Lehrer in Gebildete und Ungebildete, Religiöse in Gläubige und Ungläubige.

Für einige war der Einzelne wichtig, für andere die Familie und die Gesellschaft. Einige erforschten die Probleme der Gegenwart, andere die der Vergangenheit und andere die der Zukunft. Einige wandelten auf den Pfaden des Körpers, andere auf denen der Seele und andere auf denen des Geistes. Im Land des Lebendigen aber waren alle drei Zeiten und alle Räume von Körper, Seele, Geist, Gesellschaft und Kultur miteinander vernetzt.

Manche Menschen suchten die Liebe, andere den Abschied. Manche ersehnten Einsamkeit, andere Gemeinsamkeit. Einige priesen die Selbstverwirklichung, andere die Selbstzerknirschung. Einige wollten Entspannung, andere die Anspannung. Manche priesen das Stillesein, andere das Lautsein. Viele wünschten Anweisungen und Gehorsam, andere forderten Selbstbestimmung und Freiheit. Manche mühten sich um Selbstaufgabe, andere um Selbstbestätigung und Applaus. Einige forderten Rationalität, andere Intuition. Manche ersehnten Wachstum, andere das Kleinwerden. Einige lehrten das Dunkel, andere die Erleuchtung. Manche suchten die himmlische Weisungen von Außerirdischen und Astrologen, andere ein irdische Behandlung von Handlesern, Augen-, Ohren-, Fuß- und Zungen-Diagnostikern, bei Chirurgen oder Schneidern. Viele ersehnten Stechen, Schneiden, Schlagen, Schröpfen, Saugen, Bohren und Piken. Welche Methode sollte man wählen?

Mediziner, Therapeuten und Krankenkassen versicherten: 'Die ganze Menschheit ist krank. Die Gesellschaft und Millionen Stadtneurotiker mit ihren Allüren sind reparaturbedürftig und müssen geheilt werden.' Sie boten Hilfe an. Einige Menschen erzählten, wie sie einem Meistern begegnete, der sie erwählte, zu seinen Füßen zu sitzen, sein Lächeln zu empfangen und seinen Worten zu lauschen. Musste man erst krank und klein werden, um gesund zu werden?

Ein Sprichwort ermunterte: 'Alle Wege führen nach Rom'. Jan aber schien: 'Viele Wege führen an Rom vorbei.' Ein Psychotherapeut aus Amerika sagte: 'Das Problem des modernen Menschen ist sein Nicht-Fühlen. Es ist seine Abwehr gegen vergessene und verborgene Gefühle. Die Aufgabe ist, ein erwachsener Mensch zu werden, der sich und die Welt fühlen kann. Der Weg dorthin ist, einen Schmerz und eine Liebe zu fühlen, die man vergessen hat.' War das das Geheimnis seiner jahrelangen Suche?

Die Tüchtigen sagten: "Erwirb Wissen und Besitz. Kämpfe. Werd' erfolgreich. Fühlen ist schlecht. Es lockt den inneren Schweinehund hervor. Wenn man diesen ohne Maulkorb und Leine frei herumlaufen lässt, wird es gefährlich." Kampfhundebesitzer aber wussten, wieviel Geduld und Liebe sie für ihre vierbeinigen Lieblinge aufbringen mussten, um sie zu guten Beißern zu machen.

Die Stimmen der Erzieher hallten in ihm wider: "Sei vernünftig; ein deutscher Junge weint nicht; sei gehorsam; höre auf die, die etwas zu sagen haben; wer nicht hören will, muss fühlen." Fühlen war etwas höchst Unangenehmes. Jan wurde ungeduldig. Ratgeber riefen: "Beruhige dich... Reg dich nicht auf." Er wollte sich nicht länger beruhigen. Aber wohin sollte er gehen? zum Seitenanfang